• Ophelia

Und plötzlich singen alle mit

Aktualisiert: 15. Sept 2020



OPHELIA: Wie ist eure Band entstanden?


JANNIK: Unser alter Gitarrist und ich wollten nicht nur zu Hause Musik machen und haben daher gesagt, wir gründen eine Band. Dadurch haben wir Mario gefunden.


MARIO: Und inzwischen sind von der ursprünglichen Formation nur Jannik und ich übrig, da die anderen meinten, sie stehen nicht mit ausreichend Leidenschaft dahinter. Gerade als junge Band braucht man die und muss sehr viel Zeit und auch Geld investieren.


OPHELIA: Woran habt ihr gemerkt, dass ihr dran bleiben solltet?


JANNIK: Relativ am Anfang, da war „Wake up the world“ noch neu, habe ich mir ein Erlebnis besonders gemerkt. Als ich das erste Mal vor den Zuschauern stand, vor Leuten, die ich noch nie gesehen hatte, und diese einen Text, den ich bei mir daheim im Wohnzimmer geschrieben haben, sangen, das war ein cooler Moment.


MARIO: Das ging mir ähnlich. Wenn die Leute den Text mitsingen, da merkt man, dass man schon einen großen Schritt voran gekommen ist. Die Release-Show von „Wake up the world“ war in der Hinsicht eine der coolsten Erfahrungen, die wir bisher hatten. Da kamen unheimlich viele Leute, die den Text singen konnten, und uns gab es zu dem Zeitpunkt erst ein Jahr.


JANNIK: Das motiviert sehr. Ebenso wie zu sehen, dass „Reality“ auf Spotify gerade die 100.000-Klicks geknackt hat.


MARIO: Wenn man sieht, dass uns Leute aus Australien und USA hören, dass die Musik so weite Wege nimmt und Leute, die ein komplett anderes Leben führen, erreicht, das ist ein geiles Gefühl.


OPHELIA: Wie wichtig ist es euch, Fans einzeln wahrzunehmen und euch zum Beispiel auf Konzerten auf Gespräche einzulassen?


JANNIK: Ich sage mal, wir freuen uns über jeden. Es gibt auch Auftritte, wo man gar nicht so viel erwartet, und wir freuen uns trotzdem, wenn es drei Leute mehr sind, die unsere Musik hören. Oder wenn einer nach dem Auftritt herkommt.


MARIO: Wir hatten auch Fans, die extra aus anderen Bundesländern hergereist kamen, da bleibt dir erstmal der Mund offen stehen. Du freust dich über jede einzelne Person, egal ob sie jetzt einen Kilometer extra anreist, einen Kommentar auf Instagram schreibt oder dich persönlich anspricht.


OPHELIA: Welche eher negativen Erlebnisse hattet ihr auf Konzerten, über die ihr jetzt lachen könnt?


MARIO: Am Anfang haben wir ziemlich viel erlebt. Auf unserem ersten Auftritt bei unserem ersten Song ist nach den ersten drei Takten das Base-Drum-Fell gerissen. Das haben wir mit Baustellen-Tape geklebt. Das war so eines der witzigsten und blödsten Erlebnisse. Bei unserer Release-Show - wir sind gerade in den Backstage-Bereich gekommen - da haben wir mitbekommen, dass eine andere Band, die an dem Abend gespielt hat, einen riesigen Eiskühlschrank die Treppe runter geschmissen hat und gerade dabei war, ein Sofa hinterher zu schmeißen. Da wurde ein bisschen zu viel getrunken. Da das unsere Release-Show war, ging das ein bisschen an uns, aber es hat sich zum Glück gut geklärt.


JANNIK: Einmal habe ich ein Lied angefangen zu singen und dann mittendrin den Text vergessen. Mario hat daraufhin irgendwelche erfundenen englischen Wörter ins Mikrofon gesungen. Das Publikum hat danach gefragt, was das für ein interessanter Text war.

OPHELIA: Durch die Einschränkungen wegen der Corona-Krise geht für euch als Band einiges verloren. Wie habt ihr die Zeit bisher genutzt?


JANNIK: Mario und ich haben in letzter Zeit einiges geschrieben, da man das von daheim aus machen kann. Diese Ideen arbeiten wir jetzt auf und daraus soll Ende des Jahres, Anfang nächsten Jahres ein Album entstehen.


MARIO: Wir nutzen die Zeit jetzt, um mit unseren neuen Mitgliedern warm zu werden, uns einzuspielen und die Songs dann zusammen aufzunehmen.


OPHELIA: Was ist euch bei der Produktion wichtig?


MARIO: Das gegenseitige Vertrauen. Unser Produzent war schon bei unserer ersten EP dabei. Das ist Johannes Rupp und er hat selbst zwei Bands.


JANNIK: Die Zusammenarbeit funktioniert eigentlich immer gut. Anfangs hat es etwas länger gedauert, aber da wir uns so gut kennen funktioniert es mittlerweile fast reibungslos.


OPHELIA: Was meint ihr, schätzt euer Produzent am meisten an euch?


MARIO: Ich glaube unseren Ehrgeiz und unsere Kritikfähigkeit. Es ist von beiden Seiten eine hohe Professionalität dabei. Anfangs stand ich im Studio und er meinte „Sing das nochmal, das kriegst du besser hin.“ Mittlerweile stehe ich hin und sage das Gleiche, wohingegen er sagt, es ist gut. Bei Aufnahme-Sessions muss er uns schon fast rausschmeißen. Wir sind über das Geschäftliche hinaus gut befreundet, gehen auch auf Konzerte.

OPHELIA: Wie arbeitet ihr als Band beim Songwriting zusammen?

JANNIK: Mario und ich sind meist daheim gesessen und haben die Ideen aufgeschrieben. Da wir uns da minimal Studio-mäßig eingerichtet haben, können wir eine Demo aus Vocals, Gitarre und Drumspur aufnehmen. Die bringen wir mit in die Probe und wenn das Team seinen Senf dazugegeben hat, entsteht daraus ein fertiges Lied.

MARIO: Heiko bringt jetzt allerdings auch einige Ideen mit, sodass wir in Zukunft wahrscheinlich zu dritt Lieder schreiben.

OPHELIA: Ihr seid wahrscheinlich auch innerhalb der Band gut befreundet?

JANNIK: Wir kennen uns wie gesagt noch nicht alle so lange, aber es hat auf jeden Fall eine große Rolle bei der Auswahl der Bandmitglieder gespielt, dass man sich auch außerhalb der Musik gut versteht.

MARIO: Wir haben uns immer einmal das instrumentale und dann das persönliche angeguckt und das muss beides passen.

OPHELIA: Ihr macht ja Punk. Was steht für euch hinter der Musikrichtung?

MARIO: Für mich ist es die Musik, die ich schon mit 13 gerne gehört habe. Gerade die Bands, die in den 2000ern sehr erfolgreich waren, wie Sum41 oder Greenday die haben alle Pop-Punk, also Rockmusik mit Gute-Laune-Faktor gespielt. Das macht die Musik für mich so besonders.

JOEL: Wir sind jetzt noch jung, wir haben Energie und das wollen wir musikalisch zum Ausdruck bringen.

JANNIK: Es steckt natürlich auch viel in den Texten. Gerade „Wake up the world“ lässt sich zum Beispiel gut auf die USA beziehen. Zum Teil sind es auch persönliche Geschichten, die man in den Songs verarbeitet.

MARIO: Vieles davon sind persönliche Erfahrungen mit anderen Menschen, die wir in Songs verarbeitet hat. Allein die Texte zu schreiben ist eine Art Selbsttherapie. Alles, was man mal los werden will, vor allem auch negative Erfahrungen mit anderen Menschen, das einfach mal auszusprechen, hilft.

HEIKO: Aber es geht auch darum, auch darüber hinaus durch die Musik eine positive Kraft daraus zu gewinnen. Man bewältigt so seine Probleme im Leben. Wenn es stressig ist, denkt man sich, ich muss das jetzt emotional verarbeiten in einem Song. Das pusht die Motivation.

MARIO: Man wandelt eine negative Energie in was Geiles.

HEIKO: Das muss nicht mal was negatives sein, man kann auch mal richtig gut gelaunt sein. Daraus kann auch etwas Geiles entstehen.

JANNIK: Uns geht es ja nicht immer nur scheiße.

OPHELIA: Aber es ist natürlich nicht umsonst ein Klischee, dass Künstler in schlechten Zeiten am meisten schaffen...

MARIO: Ja, das kann ich bestätigen.

JOEL: Man entwickelt in solchen Phasen eine andere Sensibilität für Sachen, die einem vorher nicht so bewusst waren. Gerade wie dass jetzt die Grenzen geschlossen waren. Die Leute nehmen jetzt ihre Heimat anders wahr. Ich glaube musikalisch ist es genauso, dass man gerade schaut, wo komme ich eigentlich musikalisch her und wo will ich hin.

MARIO: Ich merke es an Sachen, die vorher selbstverständlich waren. Wie nach Italien in den Urlaub zu fahren. Allein Samstag in den Club zu gehen, das sind Sachen, die gehen gerade nicht. Man ist viel mehr zu Hause und verbringt automatisch mehr Zeit mit sich selbst. Das bringt mich künstlerisch als Musiker auf jeden Fall ganz viel weiter. Man lernt sich selbst von einer anderen Seite besser kennen.

MARIO: Man hat die Situation, die man gerade hat, und wir machen das Beste daraus.

OPHELIA: Musik ist also was sehr Persönliches für euch.

JOEL: Auf jeden Fall. Generell ist Musik mit Gefühlen verbunden, egal auf welcher Ebene. Das ist nicht nur ein Hobby, da ist ein Drang, einfach Musik zu machen.

JANNIK: Auch in der Zeit, wo wir jetzt nicht proben konnten. Klar schreibt man daheim ein Lied, aber es fehlt was. Live zusammen Musik zu machen, wenn man sich da dran gewöhnt hat und das öfter macht, braucht man das.

MARIO: Was Auftritte angeht, wollen wir da echt alle so bald wie möglich weiter machen. Daher treffen wir gerade alle Vorbereitungen, dass wir bereit sind, wenn es wieder los geht.

OPHELIA: Wie viel sagen die Texte über euch als Menschen aus?

JANNIK: Ich glaube, da kann man schon viel mitbekommen, was uns bewegt. Gerade, wenn es um persönliche Erfahrungen geht.

JOEL: Ich habe bei den Texten jetzt noch nicht viel mitgeschrieben, aber was mir aufgefallen ist, ist, dass es nichts ganz Festes ist, dass nicht eine Story erzählt wird, sondern du deinen eigenen Hintergrund dazu finden kannst. Also so ist es zumindest bei mir. Ich denke bei bestimmten Passagen an Situationen, die ich erlebt habe. Ich glaube, jeder kann da was rausziehen. Das ist gerade der Punkt, dass sich jeder damit identifizieren kann.

MARIO: Ich denke, da ist „Wake up the world“ ein gutes Beispiel für. Da geht es nicht um bestimmte Zeilen.

JANNIK: Das ist wie eine offene Botschaft gegen Sachen, die man kacke findet. Für alle über Sachen, die man vielleicht anders denken sollte. Deshalb der Titel, dass man die Leute ein bisschen wach rütteln sollte. Da hat sicher auch jeder sein eigenes Thema, was er der Welt gerne zeigen will.

OPHELIA: Was denkt ihr, hebt euch von anderen Bands, die gleiche Musik machen, ab?

MARIO: Wir mischen das, wo wir Bock drauf haben. Wir halten uns nicht an ein Genre. Zwar sagen wir, wir sind eine Pop-Punk-Band, aber wir scheuen uns nicht, uns anderen Stilmitteln von anderen Genres wie zum Beispiel Metalcore zu bedienen. Wir haben diese Pop-Punk-Vibes, aber da ist auch mal ein Breakdown drin. Das beschreibt der Name „The Journey Back“ ganz gut. Das bringt so die Vibes des 2000er-Punks mit, kombiniert mit modernen Elementen.

JOEL: Ich finde, es ist eine falsche Botschaft, dass man sich mega abheben möchte. Im Grunde geht es darum, sich selbst auszudrücken. Ich finde, man sollte da keinen Wettbewerb von wegen, was macht uns besonders machen, da im Endeffekt jeder besonders ist. Jede Band hat einen Grund, warum sie Musik macht, da steckt was dahinter.

OPHELIA: Worin seht ihr den Grund eures bisherigen Erfolgs?

JANNIK:: Einmal gehört natürlich Glück dazu. Bei Spotify gibt es Algorithmen und denen müssen wir uns anpassen. Aber ich denke, grundsätzlich kann man sagen, weil es coole Musik ist.

MARIO: Ich denke, man kann es darauf herunterbrechen, dass wir einmal ein wirklich gutes Produkt abliefern wollen, also richtig gute Songs machen wollen und uns da reinhängen. Und Werbung machen ist eine andere Sache, die heute nebenbei bemerkt viel unterschätzt wird. Das ist ein Rat, den ich eigentlich jeder Band in unserer Größe geben würde.

JANNIK: Zeit und Bock ist das Wichtigste und dann sollte man auch Geld reinstecken wollen.

MARIO: Auch wenn wir eine neue Single haben, schicke ich das jedes Mal an zwanzig WhatsApp-Kontakte und denke jedes Mal, ist egal, wenn ich die nerve, es ist wichtig, das zu verbreiten.

HEIKO: Diese 45 Minuten Auftritt, darauf arbeitet man hin und der Rest ist viel Arbeit, bis es irgendwann sitzt. Es reicht heute nicht, nur gute Musik zu machen. Man muss alles investieren, was man hat.


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