• Ophelia

Sexy Melancholie

Über das Themis-Konzert am 18. August 2020


„Wow“ rufen seine Bandkollegen, als sie einen Blick in die Garderobe werfen und damit seine Stimmübungen unterbrechen. Shoka Chitrashvili, die Bassistin, schließt die Tür wieder. Sie gibt Korbinian Öhy, dem Drummer, und Nico Zeitz, dem zweiten Gitarristen, ein Zeichen, Themis lieber in Ruhe zu lassen. Ich folge ihnen zusammen mit der Freundin, die mich begleitet, vor die Wohnung auf die Straße. Hier stehen und warten bei einem Bier oder einer Zigarette Freunde des Gastgebers Christian, er selbst und Freunde von Themis. Die Atmosphäre ist sehr intim. Es entstehen schnell Gespräche, die ein wenig in die Tiefe gehen. Shoka spricht meine Freundin und mich an. Korbinian und Nico stellen sich kurz dazu, reden zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht viel. Auch sie verspüren Nervosität, wie mir Korbinian nach dem Auftritt deutlich entspannter mitteilen wird.


„Jede Location ist anders, wir fragen uns, wie sind die Leute, wie wird der Abend. Daher sind wir immer aufgeregt, aber das braucht es, um es ernst zu nehmen.“

Die Gäste versammeln sich im Wohnzimmer, die Bandmitglieder hinter ihren Instrumenten. Shoka, Korbinian und Nico spielen ein langsames Intro, ehe Themis mit ausgebreiteten Armen und von Jubel begleitet das Wohnzimmer betritt und sich hinter sein mit Rosen dekoriertes Mikro stellt. Die Ärmel des roten Leo-Hemds flattern dabei. Er greift nach seiner weißen Gitarre und begrüßt uns zur „geilsten Hausparty seit zwei Monaten“.

Ein Schluck Wein, dann beginnt er, zu singen. Korbinian spielt energie- und zugleich gefühlvoll die Drums, Shoka stampft im Takt mit dem Fuß, Nico springt ein wenig von links nach rechts. Shoka und Nico würden sich gerne mehr bewegen. „Wenn ich nichts mache, fühle ich mich langweilig“, sagt sie mir nach dem Konzert. Die Leute nehmen mit, was die Band ihnen während des Konzerts gibt. Wie geht Themis mit dem Platzmangel um?

Themis fährt sich oft durch die Haare, spielt mit dem Kabel oder legt den Kopf in den Nacken. Dann wieder flattert er mit den schwarz geschminkten Lidern.


Themis Musik lässt sich als eine sanfte Melancholie beschreiben, deren gewisse Monotonie immer wieder unerwartet durch einen emotionalen Schrei unterbrochen wird.

Dabei bewegt er sich mit der Intensität der Musik. Baut sich das Lied auf, erhebt auch er sich, erreicht es mit einem Schrei sein Finale, sackt er anschließend zusammen. Themis schließt die Augen, wenn es keinen Text, sondern nur noch Stimme zu hören gibt. Desto höher der Ton, umso fester schließt er sie.

Seine Band lässt die einzelnen Songs meist nahtlos ineinanderfließen. „I love it“, begeistert sich Themis für uns Zuschauer und fordert uns auf, aufzustehen. Der Effekt zeigt sich sofort, die Stimmung unter uns steigt noch mehr. Einige wenige, die noch sitzen, bewegt er durch ein Winken dazu, sich unter uns zu gesellen.

Texte wie „Let’s fuck all through the night“ singt er ohne ein Anzeichen von Scham, zugleich strahlt er eine tiefe Verletzbarkeit aus.

Er fragt: „Habt ihr Bock auf einen romantic song?“ Wir jubeln, doch Themis ist unzufrieden. Er wiederholt die Frage, wir jubeln lauter und er beginnt mit „I don’t care I just dance and drink some shit“. Anders als bei vorigen Liedern bleibt die Gestik hier minimal. Seine Augen schließt er, seine Hand liegt auf der Brust.

Bei der Zugabe spielt die Band einen neuen Song. Er handle von Sehnsucht, stellt Themis vor. „I wanna get fucked up in a bar in NYC“ heißt er, wobei New York für alles, was man mit Freunden machen will, stehe.

Alle gemeinsam lassen wir den Abend auf der Straße ausklingen. Die Sonne geht unter. Es war ein warmer Tag. Genau dies macht Nico zu schaffen. In dem kleinen Raum war es nochmal heißer und nach den Monaten ohne Auftritte sei seine Ausdauer weg. Seine Finger zittern. Die Band ist froh, wieder auftreten zu dürfen. Das letzte Konzert war im Dezember, so Themis. Shoka schließt ab: „Nach Corona war das der erste Schritt zurück und ich denke, für die Umstände, die wir gerade haben, war es wirklich gut.“

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