• Ophelia

Improvisation macht den Meister

Aktualisiert: 15. Sept 2020



OPHELIA: Du bist Rapper und Produzent. Wie kam es dazu?


JAY: Ich bin in der ersten Klasse von Mannheim nach Heidelberg gezogen und in der fünften zurück. Ich bin mitten im Schuljahr gewechselt und war dadurch ein bisschen Außenseiter. Aber einen besten Kumpel hatte ich und wir haben zusammen Anime-Serien geguckt. Die Intros der Serien waren fast immer Rapsongs und ich fing an, das nachzumachen. Ich habe auf dem Schulweg gerapt, auf dem Nachhauseweg, wann immer es ging. Irgendwann sind die Leute stehen geblieben und fragten mich nach bestimmten Songs. Das sprach sich rum, bis die Schulband auf mich zukam und meinte, sie bräuchten einen Rapper. Die Schulband war ein Jahr lang mein Hauptding. Dann dachte ich: Ey, das ist doof, ich muss doch was Eigenes machen. Ich habe also angefangen, eigene Sachen zu schreiben. Ich habe mich mit ein paar Freunden zusammen getan und wir waren bald so erfolgreich, dass wir die Schulband ablösten. Mein Ziel war es, das bekannteste Kind der Schule zu werden. Das hatte ich erreicht, sogar etwas mehr als mir lieb war. Wir haben auf Schul- und Stadtfesten gespielt und irgendwann kam ein Bekannter auf mich zu und fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Song für eine Demo zu schreiben. „Mannheim sagt ja“, hieß das damals. Das war 2016. Anfangs hieß es, es kämen drei- bis viertausend Leute. Als ich dort ankam, fragte ich nochmal und plötzlich hieß es, es seien zwölftausend Menschen da. „Ein bisschen“ mehr also, als gedacht. Die Zuschauer waren begeistert und von da an spielte ich auch auf Festivals, wie Das Fest oder dem Happiness. Irgendwie bin ich da hängen geblieben. Es macht einfach extrem Spaß, zu rappen und zu schreiben.


OPHELIA: Ja, das macht man natürlich nicht, wenn da keine Leidenschaft dahinter ist. Und wenn das dann läuft, umso besser. Ich nehme an, es geht dir dabei nicht nur um die Musik an sich? Was steht hinter deiner Leidenschaft?


JAY: Für mich bedeutet es, mich ausdrücken zu können. Ich kenne keine andere Textform, in der man so viele Informationen verarbeiten kann. Rap kann man sich wie ein Gemälde vorstellen, das tausend Details hat. Was ich außerdem mag, ist, dass ich es mit allen Genres mischen kann. In meiner Cover-Band spielen wir Disco, Pop, Funk, R’n’B... Und ich rappe dazu.


OPHELIA: Welche Rolle spielt deiner Meinung nach die Selbstdarstellung, also die Art, wie du auf Instagram, aber auch auf Konzerten auftrittst?


JAY: Ich glaube, am wichtigsten sind die Live-Shows. Also wie ich da performe, wie ich auftrete und mit dem Publikum agiere. Instagram hilft mir, mich mit anderen Künstlern zu vernetzen. Ganz viele Rapper schreiben mich an und fragen nach Tipps, wo ich mir denke: Wow, krass, ich als Deutscher soll den Amerikanern sagen, wie man Ami Rap macht. Es ist schön, andere Künstler zu sehen und was diese machen. Man hilft sich gegenseitig, unterstützt sich, inspiriert sich. Das ist extrem motivierend.


OPHELIA: Apropos Motivation. Sorry, die Frage muss sein: Wie wirkt sich Corona auf dich aus? Du sagtest in der Vorbesprechung des Interviews bereits, du musst viel absagen. Was für Alternativen findest du da?


JAY: Im Moment mache ich viele Live Streams auf Instagram. Ich habe vor Kurzem zum Beispiel das erste Mal mit Tyrone Frank gestreamt. Das hat total Spaß gemacht. Es ist einfach anders, als auf der Bühne vor Zuschauern zu spielen, weil du ganz für dich bist.


OPHELIA: Es fehlt also das direkte Feedback?


JAY: Genau, das macht es entspannter. Du kannst dich auf das konzentrieren, was für dich gerade passt. Du kannst natürlich auch schlecht schreiben: Habt ihr Spaß? Dann tippe in den Chat „Ja“ ein. Ohne die Zuschauer fühlt es sich für mich eher an wie eine Probe.


OPHELIA: Findest du gerade neue Chancen oder nur Übergangslösungen?


JAY: Der Vorteil, den ich ganz klar aus der Krise ziehe, ist, ich habe jetzt viel mehr Zeit. Ich arbeite an einem Album und habe dabei extrem hohe Ansprüche an mich. Die Leute sagen mir zwar, das ist echt gut, aber ich denke mir jedes Mal, da geht noch was. Man findet einfach immer was, das man nochmal ändern will.


OPHELIA: Das klingt ziemlich perfektionistisch...


JAY: Das stimmt wohl. Mein Kumpel Tyrone war vor zwei Wochen da und wir haben eine Single aufgenommen. Wir haben gesagt, das Album kommt auf jeden Fall, aber wir wollen ein paar Sachen raus hauen, die nicht zum Album gehören, damit die Leute ein Gefühl bekommen, was auf dem Album sein wird und wie wir als Duo arbeiten. Jetzt planen wir gerade fünf Singles, die wir alle paar Wochen raus hauen. Ich sage so oft raus hauen, aber das ist kein schönes Wort in dem Fall. Ich schmeiß die Songs ja nicht raus, da steckt die Promo-Kampagne, die Marketing-Kampagne, die Videos, die Konzepte für die Videos und so weiter dahinter. Wir nehmen uns Zeit, weil wir alles richtig machen wollen. Wir haben einen Song, der sehr düster ist, wo es um das Betrügen eines Partners und damit verbunden Mord geht. Ich spiele in dem Song sowas wie die personifizierte Form des Teufels und da stellt sich die Frage, wie können wir das symbolisch darstellen. Wir wollen nicht dieses extrem blutige, sondern wir wollen eine Art Psychothriller aufbauen als Video. Wenn ich mir ein halbes Jahr Zeit lasse für einen Song, dann nur weil ich weiß, dieser Song braucht diese Zeit einfach und das ist das Entscheidende, weil wir sehr genaue Vorstellungen haben und wissen, das ist sehr viel Arbeit und uns diese Arbeit machen. Und ich nehme regelmäßig Videos auf, Dienstags Cover und Freitags Freestyle.


OPHELIA: Wie bereitest du dich auf Freestyle vor?


JAY: Ich frage nach jedem Video in den Kommentaren nach Themenvorschlägen. Habe ich ein Thema gefunden, wähle ich einen passenden Beat aus. Zuletzt stelle ich mein Handy hin und nehme auf. Manchmal ist es nach einem Take perfekt improvisiert, manchmal brauche ich zwei, drei Takes. Aber es ist nichts vorher aufgeschrieben.


OPHELIA: Das ist einfach das, was dir gerade in den Kopf kommt?


JAY: Genau.


OPHELIA: Ziemlich beeindruckend, wenn ich das sagen darf. Ich nehme an, das kommt aus einer Menge Übung?


JAY: Ja, definitiv. Aus der Übung und daraus, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Einer meiner ersten Auftritte war in der Schule mit meinem besten Freund. Es war unser erster Auftritt vor vierhundert Leuten und wir gingen auf die Bühne, der Lehrer machte die CD rein und dann waren die falschen Beats drauf. Also habe ich aus dem Nichts fünfzehn Minuten lang eine Show gemacht. Das kam sehr gut an. Früher war ich schlimm, ich habe bei den Shows immer die Texte vergessen und habe dann statt den Texten einfach gefreestylt, sehr zum Leid meiner Kollegen. Aber ich konnte mich dadurch steigern, wurde immer besser. Heute denke ich da nicht mehr drüber nach.


OPHELIA: Würdest du auch anderen Künstlern empfehlen, das zu lernen?


JAY: Definitiv. Ich finde es für Rapper, aber auch für Sänger wichtig, improvisieren zu können. Angenommen, du performst live und es passiert ein Textfehler oder du merkst, deine Stimme kackt ab. Dann musst du improvisieren können, wissen, wie du die Situation nutzt. Ein anderer Punkt ist, ich habe auf Konzerten nie Bock das Lied eins zu eins zu hören. Da finde ich es cool, wenn ein Künstler einer seiner bekannten Songs nimmt und den umbaut, zu etwas einzigartigem, neuen.


OPHELIA: Wie baust du deine Live Shows auf?


JAY: Darüber habe ich mir früh Gedanken machen müssen. Bei meinen Anfängen, vor 14 Jahren, haben alle anderen Deutsch gerappt. Dementsprechend hat jeder alles verstanden. Ich war einer der wenigen, die Rap auf Englisch gemacht haben. Das heißt, ich musste mir schnell klar machen: Die Sprache ist nur ein winziger Teil meiner Kommunikation. Das ist bei Kommunikation allgemein der Fall, war bei mir aber noch stärker. Dementsprechend war ein Faktor für mich, eine lebendige Bühnenshow zu haben und da ist es wichtig, zu improvisieren. Also zum Beispiel im Song zu unterbrechen und die Leute aufzufordern: „Jetzt lasst uns mal was zusammen machen!“ Ich suche mir drei Wörter aus und dann rufen sie die Wörter im Rhythmus. Und während sie rufen, rappe ich auf diesen Rhythmus. Sie sind mein Instrumental. Sowas mache ich gerne, Sachen, bei denen du dein Publikum einbauen kannst.


OPHELIA: Und wie kam es, dass du dich für Englisch entschieden hast?


JAY: Die Musik, die ich selbst gehört habe, ist englisch gewesen. Ich war schon sehr früh Musik-affin, habe gerne Musik gehört, überwiegend englische Musik. Dann kamen MTV, Viva, diese ganzen Shows, die auf Englisch liefen mit deutschen Untertiteln, die ich gerne gesehen habe. Dadurch wurde mein Umfeld immer mehr englisch. Dann habe ich endlich mal meinen Vater getroffen, der Amerikaner ist. Ich habe gemerkt, die deutsche Sprache und wie ich deutsch spreche, wie meine deutsche Stimme klingt, gefällt mir nicht so gut, wie im Englischen. Ich fühle mich da einfach wohler.


OPHELIA: Inwiefern spielt die Sprache eine Rolle dafür, ob du erfolgreich bist?


JAY: Die Wahl meiner Sprache hat mir jetzt zusammen mit dem Internet geholfen, mich ausbreiten zu können. Jetzt habe ich Leute, die mir aus Afrika schreiben, die mir aus Asien schreiben, aus England oder eben den USA. Sie hilft mir bei meinem eigentlichen Ziel weiter. Ich habe immer gesagt, ich will gar nicht in Deutschland bekannt werden, das ist mir egal. Ich will auf weltweiter Ebene gekannt werden. Es hat mich immer angekotzt, dass es auf weltweiter Ebene kaum deutsche Künstler gibt. Es gibt Rammstein, Falco, es gab Tokio Hotel... Das sind die, die im musikalischen Business Deutschland repräsentieren. Und ich dachte mir, ich bin kein Rammstein, kein Tokio Hotel, kein Falco, ich will der Welt zeigen, wir können auch cool sein. Kleiner Scherz. Es hat es mir sowohl leichter, als auch schwieriger gemacht, weil es eben schwieriger war, mich mit dem Publikum zu verbinden, aber ich aus der Masse hervorgestochen bin.


OPHELIA: Meinst du, du sprichst akzentfrei?


JAY: Das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Ich kann nur das sagen, was die Amis sagen und die sagen alle, es klingt überhaupt nicht deutsch, was mich sehr ermuntert. Früher hab ich von den Ami-Kindern immer gesagt bekommen, ich rappe zu rein, zu sauber, zu deutlich. Sie warfen mir vor, ich habe keinen Slang. Wo ich aber sage, dass mich vielleicht gerade das ausmacht, weil ich eben nicht diese Slang benutze, sondern sauberes Englisch benutze.


OPHELIA: Und wie kommt es, dass du coverst, wo du ja eigentlich Wert auf deine eigenen Texte legst?


JAY: Ich glaube, es ist wichtig, den Aufbau der Geschichte zu verstehen. Ich kann dabei sehr gut helfen, wenn ich klassische Lieder der Rap-Geschichte covere. Wenn also zum Beispiel ein Zwölfjähriger auf Instagram ein Cover von mir eines Tracks aus den 90ern findet und dadurch dann dieses Lied kennenlernt, habe ich genau das getan, ich habe diesem Jungen ein Stück Rap-Geschichte beigebracht.


OPHELIA: Wie wichtig ist es, Unterstützung von außen zu erhalten?


JAY: Für die Unterstützung bin ich unendlich dankbar. Jedes Mal, wenn ich ein Video hoch lade, also zwei Mal die Woche, wird es geteilt. Meistens sind das die gleichen zehn Leuten, die alles teilen, was ich poste, einfach um zu zeigen: „Wir sind da, wir supporten dich“. Allerdings sehe ich wahrscheinlich gar nicht alles, was gemacht wird. Leute reden über dich, Leute empfehlen andere deine Musik. Als Künstler kannst du gar nicht sagen, wie hoch da die Unterstützung ist, weil du gar nicht alles mitbekommst, was passiert. Mit jedem neuen Video habe ich das Gefühl, ich erreiche jemand anderen. Ich bin so mega dankbar für alle, die mich supporten. Viele erwarten nicht mal ein Danke. Ich versuche, es ihnen trotzdem zu zeigen, indem ich regelmäßig was hoch lade. Oft höre ich: „Hey, ich hab vorhin so schlechte Laune gehabt und ich hab dieses eine Video gesehen und musste lachen.“ Dann merke ich, dass ich ihnen auch was zurückgebe.

8 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Wenn die Leidenschaft von der Bühne auf die Besucher übergeht

Was Menschen in Kulturvereinen bewegt Ein Protokoll mit Gerald Rouvinez-Heymel, Geschäftsführer des Substages und Vereinsgründer des Kulturrings Momentan befinden wir uns alle in der selben Situation,

Schreibt mir gerne unter

opheliamusikblog@gmail.com

  • Grey Instagram Icon

© 2020 Sofie Woldrich. Erstellt mit Wix.com