• Ophelia

Unter Bad Boys und High Society



OPHELIA: Wie kam es zu deiner Entscheidung, Musik machen zu wollen?


B. HOPE: Meine Eltern hatten als ich klein war eine Band. Daher hat Musik in meiner Familie von Anfang an eine starke Bedeutung gehabt. Es gibt Bilder von mir mit Sticks in der Hand, als ich drei war. Ausgerechnet vom Pfarrers-Sohn des Schwarzwald-Kaffs, in dem ich den Großteil meiner Kindheit verbrachte, wurde mir Berliner Rap gezeigt. So fing das an, dass ich Bushido, Sido und so weiter zu Hause hatte. Das wurde dann mehr, ich habe mich informiert, was es noch gibt, was möglich ist. Und selbst ausprobiert. Damals gab es noch keine Massen an Freebeats, kein YouTube und wo ich wohnte auch keine Anlaufstellen. So hat man sich das selbst beigebracht. Heute kann ich aufnehmen und produzieren. Zum Mastern und Mischen habe ich einen guten Freund. Der ist Tonmeister. Wir haben in der Casa de Maria, das war die Wohnung in der ich davor gewohnt hab, zwei Studios gebaut. Es stehen in der Stadt mehrere Tonstudios und es sollen noch weitere folgen.


OPHELIA: Hattest du einen bestimmten Moment, in dem du gemerkt hast „Das möchte ich machen“?


B. HOPE: Musiker wollte ich immer werden. Früher, so mit 8,9 war es halt der Drummer einer Band und so, dass ich dachte, ich will nur noch Rap machen, da gab es mehrere Stufen. Da gab es die Stufe von „wir machen das jetzt eher langsam, vernünftig“ bis zu dem Punkt, wo ich mitten in der Ausbildung gesagt habe: „Und jetzt mit dem Kopf durch die Wand, raus aus allem. Ich geh natürlich arbeiten, so druchhustlen, aber ich mache keine Ausbildung, ich mach jetzt Mucke.“ Und meine Jobs haben sich seitdem nur an die Mucke angepasst, nicht andersrum.


OPHELIA: Was macht dich als Mensch und was deine Musik besonders?


B. HOPE: Ich würde behaupten, weil ich von vielem was hab. Ich bin nicht in irgendeiner Kategorie, nicht in einer Sparte. Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen und auf dem Land. Ich rede mit den ganz schlimmen Jungs und bilde eine Brücke zu den Jungs, die Immobilienmakler sind, zu der anderen Seite der Macht, der High Society quasi. Ich sage gern, ich hab den Diplomaten-Status. Ich kann mit allen gut reden und verstehe ihre Sprache, verstehe worum es geht. Des Weiteren bin ich sehr musikverliebt. Ich mache das nicht nur, um den nächsten Trend zu setzen. Ich mische alle möglichen Stile wie Jazz und Funk, arbeite mit Saxophon oder Trompete, nicht nur mit Synthesizer. Das ist glaube ich mein Alleinstellungsmerkmal. Ob die Mucke dann verstanden wird, bleibt mir überlassen oder dem Album.


OPHELIA: Was würdest du machen, wenn es nicht ankommt, aber du trotzdem davon überzeugt bist?


B. HOPE: Das ist schon seit einer Weile ein großes Thema. Das Ding ist, dass mein Stil ein bisschen schwierig ist. Ich verliere mich manchmal in der Lyrik und werde zu ausfallend. Mir ist es wichtig, dass ich die Mucke so mache, wie ich Bock drauf hab. Mir wurden schon Sachen gesagt wie: Wenn ich das umschreibe, ist der Song voll fürs Radio. Das ist nicht meine Absicht. Wenn ich mit dem Song zufrieden bin, ist das für mich heilig. Natürlich muss ich mich damit konfrontieren, was ich mache, wenn meine Musik nicht so durch die Decke geht, was ich machen kann, dass das Heilige daran nicht verloren geht, aber ich trotzdem leben kann. Und da habe ich für mich gemerkt, dass ich trotzdem ein guter Produzent bin. Wir bauen ein Label auf. Da sind noch genug gute Jungs, gute Mädels, irgendwas wird sich ergeben. Aber das ist zur Absicherung, am Ende des Tages bin ich Musiker. Ich will Musik machen, will unterhalten. Das künstlerisch Selbstbestimmte darf nicht verloren gehen, weil ab dem Moment, wo es zu gestellt wird, ist es nicht mehr die eigentliche Kunst.


OPHELIA: Finanzielle Sicherheit ist nur leider auch ein Faktor, wie man gerade stark zu spüren bekommt. Wie beeinflusst dich Corona?


B. HOPE: Das ist ganz witzig, da wir es vorhin davon hatten, mein Mitbewohner, der ein guter Freund ist, und ich. Wir meinten beide: „Siehste, die ganze Welt schreit auf. Aber bei uns ist einfach alles wie immer. Alles abgefuckt, man hat keine Arbeit, muss sich durchhustlen, durchstruggeln. Nichts groß anders.“ In dem Stadium ändert sich nicht viel. Wenn man auf die Gigs angewiesen ist, ist das natürlich gerade echt schwierig. Wenn man eine Tour geplant hat und darauf angewiesen ist, geht jetzt einiges flöten. Bei mir steht das Album an und da ist das ganz gut, weil ich jetzt in Ruhe mein Album und mein Social Media aufbauen kann.


OPHELIA: Gibt es Menschen, die dich im Leben besonders inspirieren?


B. HOPE: Mein Mitbewohner ist safe eine der prägendsten Personen, was das angeht, weil er einfach ein extrem kreativer und auch ein sehr weiser Mensch ist. Ansonsten generell mein Freundeskreis. Das sind alles Charakter, starke Persönlichkeiten mit Zügen, die ich sehr feier. Wenn es um die Mucke an sich geht gibt es auf jeden Fall sehr große Inspiration auf YouTube und so. Den Mois zum Beispiel. Leute mit Konzepten und Ideen für die Zukunft. Oder Marvin Game. Er hat zum Beispiel die Hotbox erfunden, da sind mit die geilsten Interviews gekommen, weil die Leute einfach mal gechillt waren. Dann haben sie Beats rausgeholt und nebenher Freestyle gemacht. Oder das Interview zwischen Kendrick Lammar und Rick Ruben. Dabei kam raus, dass Kendrick Lammar jeden Song vier Mal schreibt. Ich meine, vier Mal! Manchmal bist du froh, wenn du es einmal von der Seele geredet hast und da gibt es dann vier Versionen und man sucht sich das Beste raus, das ist wahnsinnig interessant.


OPHELIA: Wie gehst du beim Schreiben vor?


B. HOPE: Verschieden. Früher hat man sich ein Thema genommen und einfach los geschrieben. Und irgendwann gehen einem die Themen aus oder man hat es immer wieder geschrieben. Teilweise fragt man einfach irgendeinen Dude, der rumsteht: „Ey, sag ein Thema, sag einfach ein Wort, das dir gerade einfällt.“ Alben haben immer einen roten Faden. Meistens sind das Situationen oder Momente, die mich jetzt bewegen. Aus den letzten Jahren habe ich noch einige Sachen nicht aufgeschrieben. Aber zumindest umrissen.


OPHELIA: Was war in den letzten zehn Jahren, die wichtigste Erkenntnis, die du gemacht hast?


B. HOPE: Oha. Die wichtigste Erkenntnis in den letzten zehn Jahren, boah... Wenn es um Mucke geht, allgemein wäre zu schwierig, Bissverhalten. Das, was die meisten Menschen hat hoch kommen oder oben halten lassen. Zum Einen, klar, braucht man eine gewisse Prise Glück. Die braucht man immer, aber ich glaube, die gibt einem einfach das Leben oder Karma oder was auch immer. Was viel wichtiger ist, ist das Streben dahin. Man muss durchhalten. Ich saß so viele Male mit Jungs da und alle meinten, ich hab Bock, lass uns das machen, aber meistens verfliegt sich das dann wieder. Die Ausbildung wartet oder die Familie ruft... Man muss schon viel opfern. Ich habe teilweise doppelt in der Gastro gearbeitet und dann noch fünf, zehn Stunden Mucke gemacht, ein bis zwei Stunden geschlafen und von vorne. Klar kann man das auch entspannter geregelt kriegen, aber das ist dann eben die andere Seite. Man muss es wirklich wollen.


OPHELIA: Wie hast du das gelernt?


B. HOPE: Ich habe schon früh Schlagzeug spielen gelernt und da spielst du dieselben Patterns, dieselben vier Takte, immer wieder und wieder durch, bis sie wirklich gut laufen. Daher wurde mir schon sehr früh eingetrichtert, dass man bei Dingen dabei bleiben muss, aber wirklich angekommen ist das in so einem jungen Köpfchen nicht und vielleicht war ich auch zu faul. Beim Rap war es etwas anderes. Im Schwarzwald Kaff gab es nicht viel, was man hätte tun können, also habe ich gerapt, gerapt, gerapt. Manche Leute, die da mal dabei waren, habe ich nach Jahren wieder gesehen und in der Zwischenzeit 50 Songs geschrieben und 100 Beats produziert. Man merkt, man hat einen Riesen-Sprung gemacht in der Zeit, hat das mehr gefestigt und ist für sich weitergekommen. Man sieht, dass man nicht nur nachts im Zimmer gesessen ist und wie ein Bekloppter gearbeitet hat, sondern dass es sich gelohnt hat. Dass man auf dem richtigen Weg ist. Dazu braucht es aber Zeit und vor allem eben Biss.


OPHELIA: Mit welchen Hindernissen rechnest du?


B. HOPE: Ich glaube, die Hindernisse werden glücklicherweise weniger. Man muss sich nicht mehr so oft erklären, wird ernster genommen. Was mir noch Sorgen macht, ist das rauskommen. Ich liebe das Studio, ich liebe es, an der Musik zu basteln. Ich bin niemand, der sich ständig hinter die Kamera stellt, sage ich mal. Daran muss ich noch arbeiten.


OPHELIA: An was willst du außerdem noch gerne arbeiten?


B. HOPE: Mix und Master ist safe ein Punkt, wo ich noch lerne. Dann will ich mir beruflich noch was Zweites aufbauen. Ob das jetzt in der Gastronomie bleibt steht noch in den Sternen. Die Gastronomie ist sehr einnehmend. Ich hätte keine Lust, ein Gastronom zu werden, der nie da ist, das Unternehmen nur besitzt. Wenn dann schon mit Leib und Seele. Aber am Ende des Tages ist eben die Mucke mein A und O.


OPHELIA: Was hörst du denn selbst, außer Rap?


B. HOPE: Ich bin mit den Prinzen groß geworden. Und der Musik der Band meiner Eltern. Auf Konzerten stand ich hinten beim Drummer, dadurch kam das mit dem Schlagzeug spielen. Die Texte konnte ich auch, das waren halt linke Kampflieder, auch wenn ich das damals nicht verstanden habe.


OPHELIA: Die Liebe zur Musik deiner Eltern hat offensichtlich abgefärbt, wie sieht das mit dem freien Denken aus? Welche Bedeutung haben für dich Regeln?


B. HOPE: Es gibt von mir das gern erwähnte Zitat „Regeln sind da, um gebrochen zu werden.“ Das habe ich als Kind gern gesagt, sag ich heute noch. Meine Lehrer haben mich erziehungsresistent genannt, also bin ich schon ein kleiner Querkopf. In einem normalen Job will man mich nicht haben. Ich habe schon alles gearbeitet und ich habe kein Problem, zu arbeiten, aber am Ende des Tages will ich Musik machen. Da kann ich durchdrehen, meine Sinne erfahren, rumspringen. Ein normaler Job macht mir keinen Spaß. Oder er macht mir Spaß, aber den anderen nicht. Am Ende des Tages gucken wir immer, dass wir ohne größere Verwerfungen des Gesetzes durchs Leben kommen. Alles Weitere muss man mit sich und seinem Herzen ausmachen. So lange ich meinem Spiegelbild am Ende des Tages in die Augen schauen kann, ist alles gut. Ansonsten, was für Regeln?


OPHELIA: Damit hast du wohl schon einen Teil des Image als Rapper angesprochen. Was steht für dich hinter Rap?


B. HOPE: Also für mich kam Rap daher, dass man rausgehen wollte und sagen: „Hallo, hier bin ich und mich gibt’s, mein Name vergeht nicht einfach so.“ Und damit verbunden war natürlich auch, etwas ausdrücken zu wollen. Heute habe ich mein Alter-Ego, B. Hope. Da geht es darum, sich was aufzubauen, „sei Hoffnung“. Für mich ist Rap mehr als Battle-Rap - klar gibt es auch die Momente, da geht es darum, sich was von der Seele zu reden, aber letzten Endes geht es darum, besser zu werden, seine Stimme nicht zu verschwenden.



15 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Wenn die Leidenschaft von der Bühne auf die Besucher übergeht

Was Menschen in Kulturvereinen bewegt Ein Protokoll mit Gerald Rouvinez-Heymel, Geschäftsführer des Substages und Vereinsgründer des Kulturrings Momentan befinden wir uns alle in der selben Situation,

Schreibt mir gerne unter

opheliamusikblog@gmail.com

  • Grey Instagram Icon

© 2020 Sofie Woldrich. Erstellt mit Wix.com