• Ophelia

Damals lachten alle

„Ich habe es voll gefühlt, ich habe mit einer Flasche Wein in der Hand getanzt und bis um fünf durchgemacht“, erzählt Ali Al Hilu davon, wie er in der Nacht zuvor einen Song produziert hat. Dazu steht er auf, wirbelt mit der Hand durch die Luft und schwingt hin und her, um seine Aussage zu unterstreichen. Ich sitze mit ihm und seinem Kollegen Amir in einem Karlsruher Pub. Zu diesem Zeitpunkt des Abends hat Ali bereits einen Whiskey Cola bestellt mit dem Kommentar, dass dieser eine Abend mit Alkohol nun auch keinen Unterschied mehr mache, sich neckisch über den Geruch des Desinfektionsgels, das ich vor dem Essen verwendet habe, beschwert und eine zehnminütige Diskussion mit der Kellnerin geführt, darüber, dass er seinen Burger scharf, aber nicht zu scharf will. Es sei an dieser Stelle dahingestellt, ob es nicht weniger um die Schärfe des Burgers ging, als darum, mit der Kellnerin zu flirten.





„Als du heute Nacht geschrieben hast, dachte ich voll, du packst es heute nicht, mich abzuholen“, gesteht sein Kollege Amir. „Das dachte ich auch“, antwortet Ali und lacht nach Luft schnappend. Ali und Amir sind, nachdem sie Aufnahmen in Karlsruhe für einen Produzenten gemacht haben, direkt zu unserem Treffen in der gleichen Stadt. Alis aktuelles Zuhause ist Mannheim. Er ist dreißig, nennt sich je nach Sprache als Künstler „Mr. Soul“ oder alternativ „Ali Al Hilu“ und macht „von allem etwas“. Er sei Künstler und da probiere man einfach aus. Er wolle sich nicht auf eine bestimmte Musikrichtung festlegen. Am ehesten trifft es wohl Rock. Mal macht er dies auf Englisch, mal auf Deutsch.

Er hat dunkle, wellige Haare, die er zu einem Zopf gebunden hat und sein Vollbart reicht ein gutes Stück unter das Kinn. Die breiten Schultern sind von einem weißen, minimal zu großen Shirt mit schwarzen Print und einer schwarzen Kette bedeckt. An der rechten Hand trägt er zwei silberne Ringe, an der linken ein Armband. Das Motiv beider Schmuckstücke sind Totenköpfe.


Ali kam mit sieben Jahren nach Deutschland, worin er seine schwierige Kindheit begründet sieht. „Nicht wegen meinen Eltern, ich habe die besten Eltern der Welt. Ich war nicht im Kindergarten und konnte, als wir herkamen, die Sprache nicht.“ In der Grundschule habe er ein Kind verprügelt, weil es behauptete, Alis Mutter sei Hausfrau. Er habe nicht gewusst, was das ist, dachte das sei eine Beleidigung. Es ist ihm wichtig, zu betonen, dass er kein Prügeltyp gewesen sei, Hände seien in dieser Situation lediglich sein einziges Mittel gewesen, sich zu wehren. Vielleicht sind diese Erfahrungen der Grund, warum er auch heute noch sehr lebendig erzählt. Alles, was er sagt, wird von einer Geste unterstrichen - er kratzt sich beim Nachdenken am Bart, hält die Hände offen vor sich, wenn er eine Frage stellt, spielt Luftgitarre. Mal redet er ruhig und ausgeglichen, im nächsten Moment scheinen sich seine Gedanken und Gefühle mitten im Satz zu überschlagen.


Die Schule mochte er auch später nicht. „In der fünften Klasse bin ich in den Religionsunterricht für Katholiken. Es gab kein Ethik, also hatte ich sozusagen eine Freistunde, aber ich musste dort in der Klasse sitzen. Ich hab mich öfter gemeldet, als die Katholiken. Meine Eltern haben mir alles beigebracht. Sie haben mich über das Christentum ebenso gelehrt, wie über das Judentum und den Islam. Also hab ich da automatisch mitgemacht. Eines Tages hat die Religionslehrerin die Frage gestellt, was wir später werden wollen. Wir sollten das auf einen kleinen Zettel schreiben, den zusammenfalten und der Lehrerin geben. Als sie ihn vorlas, haben wir erraten sollen, zu wem es passen könnte. Ich habe Musiker geschrieben. Ich wusste selber nicht genau, was ich damit meinte, aber es war für mich klar, dass ich das wollte. Fertig. Die Lehrerin machte den Zettel auf und las vor. Und die ganze Klasse fing an zu lachen, die ganze verdammte Klasse. Die Lehrerin auch. Ich dachte, sie würde mich beschützen, aber sie hat es nur schlimmer gemacht. Das Krasse war, dass sie auch noch meine Musiklehrerin war. Und heute bin ich Musiker. Die Außenseiter sind die, die am Ende was reißen. Das ist immer so.“ Er beendet seine Erzählung, indem er aufsteht und meint, er bestelle sich noch einen Whiskey. Als er wieder kommt, begrüßt er uns mit „Hallo, ihr Schönen. Habt ihr etwa über mich geredet?“.


Amir erzählt mir, wie Ali einmal ein Konzert gegeben und ihn eine Woche vorher angerufen habe. „Du bist dabei“, hieß es zu Amir. Mehr nicht, Ali und Amir hätten kein einziges Mal zuvor geprobt. Die Songs habe Amir zu noch nicht mal der Hälfte gekannt. Er habe einfach zwei Stunden früher kommen sollen. „Wenn wir im Studio sind, ist das anders. Da gehen wir so krass ins Detail“, sagt Ali. „Bei „Nachtleben“ saßen wir quasi drei Stunden an einer einzigen Note im Refrain. Ich hatte den Text schon vor einer Weile geschrieben. Wir wollten eigentlich in Richtung Deutschrap ein paar Beats produzieren. Das Ziel war, etwas zu verkaufen, nicht, etwas für uns zu machen. Ich hatte für das Lied so ein Gefühl, aber keine musikalische Idee. Und dann meinte ich, lass mal probieren. Und habe sofort gemerkt, das passt perfekt. Das war echt heftig. Wir machen uns oft blöd an, aber dann sagen wir, nimm es auf, danach kann man immer noch gucken.“ Bei Zusammenarbeiten sei Loyalität für ihn wichtig. „Auf Leute, die nur zu dir halten, wenn Geld fließt, habe ich kein Bock.“

Etwas später zeigt er mir Demos von „Ali Al Hilu“. Er spielt Gute-Laune-Musik mit dem Titel „Weil ich geil bin“, sowie eine klassische Ballade. Dann folgt das zuvor erwähnte „Nachtleben“. Es offenbart sich als leicht düsteres, energiegeladenes, stilistisch nicht einzuordnendes Sonderstück, das ein wenig an ein James-Bond-Theme erinnert. Das Lied ist komplett elektronisch, besteht nur aus wenigen Tonspuren. Genau das macht jedoch seine Macht aus. Jede Note wirkt einzeln und baut auf die vorige auf, bis sie ein gewaltiges Gesamtbild ergeben. Nachdem er dieses geschrieben hatte, schloss er sich eine Woche lang depressiv im Studio ein. Er dachte, er kriege nie wieder so etwas hin.


Schreiben sei bei ihm grundsätzlich stimmungsabhängig. So habe er auch keine festgelegte Routine. Mal beginne er mit dem Text, mal mit der Melodie, mal schreibe er um ein Thema. Zwar trinkt er viel und gerne, aber für die Kreativität Gras zu rauchen oder andere Drogen zu nehmen sieht er mehr als kritisch. „Es steckt in dir und man muss lernen, es abzurufen. Natürlich ist es einfacher, wenn man was geraucht hat, um keine Hemmschwelle zu haben, aber das, was aus einem rauskommt ist nicht abhängig von Weed oder Alkohol. Viele, die mich kennen, sind überrascht, dass ich noch nie was genommen habe. Keine Ahnung, wieso. Vielleicht, weil ich mich so frei fühle und verhalte.“


Das Thema Freiheit begegent mir an dem Abend immer wieder. „Zeig ihr das Loslassen-Lied“, bittet Amir. Er fragt, wie das Lied heißen wird. Mit einer überraschten Selbstverständlichkeit antwortet Ali: „Loslassen“, was in eine Diskussion ausartet. Amir ist der Überzeugung, es sei nicht mehr angemessen, Lieder nach so offensichtlichen Titeln zu benennen. Das macht kaum ein Musiker heutzutage. Wenn das Wort dauernd im Song wiederholt wird, dürfe es keinesfalls der Name sein. Ali redet nun aufgeregt und mit Nachdruck. Er lehnt sich vor und legt die Hände mit den Handflächen nach unten ab. Normen sind für ihn keine Zwänge, eher Richtlinien. Entscheidend sei, was sich richtig anfühlt, auch in Bezug auf seine Songs. „Für was brauche ich ein Regelbuch, wenn ich meine Ohren habe. Ich weiß doch, was gut klingt und was ich hören will.“ Er empfindet es als offensichtlich, dass ein Lied, bei dem es um Loslassen geht auch so heißen solle.

Nachdem die Diskussion in Uneinigkeit beendet ist, bezieht sich Ali auf den Inhalt des Songs. „Ich glaube, jeder hat eine bestimmte Sache, an die er denkt, wenn er diesen Song hört. Mein erster deutscher Text lief einfach. Da kann ich viel schneller schreiben. Die einzigen Hürden, die da kommen, bin ich selbst. Dass ich dann beim Text anfange zu denken, der muss moderner, tiefgründiger sein. Jedes Mal, wenn ich da los lasse, läuft das. Ich habe oft auf die Meinung anderer gehört. Habe versucht, es allen recht zu machen. Es ist gut, Kritik anzunehmen, auch das musste ich lernen, aber genauso wichtig ist es, dir selbst zu vertrauen. Letzten Endes musst du dein eigenes Ding machen.“ Dabei streicht er über seinen Bart und blickt in nachdenklicher Überzeugung in die Ferne.

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