• Ophelia

Am Ende ist es eine glückliche Müdigkeit

Aktualisiert: 15. Sept 2020

OPHELIA: Wie kam es zu der Idee?


TIFFANY: Die kam von unserem Schlagzeuger.


JULIAN: 2017 hatte der angefangen, Musiker zusammenzutrommeln. Er spielt im Uni-Tanz-Orchester. Da hat er Trompeter gekannt, die gut waren und die Interesse hatten. Mich hat er über Quoka gefunden und ich brachte Tiffany mit. Wir kannten uns von einer vorigen Kombo.


OPHELIA: Wie wichtig ist es euch, einen eigenen Stil einzubringen?


JULIAN: Darüber haben wir oft gesprochen. Wir machen das wie ein DJ. Der spielt dann vier, fünf Lieder hintereinander und wir spielen auch vier, fünf hintereinander, die die gleiche Tonart haben. Und dann geht das vom einen direkt über ins nächste. Das ist wie im Club, dass immer, wenn das neue Lied anfängt, dieser Moment, in dem man denkt „Oah geil!“, durch das Publikum geht. Oder „Oah das kenne ich!“, das merkt man richtig.


OPHELIA: Wie viele Auftritte hattet ihr ungefähr?


JULIAN: Irgendwas über zehn, so genau weiß ich das gar nicht. Wir hätten jetzt auch fünf Auftritte gehabt, dieses Jahr. Es ist echt schade, auch weil wir gerade kaum proben können.


TIFFANY: Mit so vielen Leuten ist zu proben gerade schwierig. Dass wir so viele sind, ist aber auch bei Auftritten manchmal ein Problem, weil nicht alle zu den gleichen Terminen Zeit haben.


JULIAN: Aber ich glaube, es mangelt vor allem an den Anfragen. Es ist halt eine Frage des Rahmens. Einige wollen lieber Musik neben dem Essen und da ist Dance-Party-In-Die-Fresse-Musik nicht das Richtige.


TIFFANY: Es ist bei großen Veranstaltungen häufig so, dass man nur durch Mundpropaganda gebucht wird. Oder es werden jedes Jahr die gleichen Bands gebucht. Wir haben vom Ettlinger Stadtfest eine Anfrage gehabt, aber das ist selten.


JULIAN: Wenn man nicht irgendwie ein Management hat, muss man viel Zeit reinstecken in Telefonate. Ich sag mal, von der Zeit, die ich darin investiere, sind vielleicht zehn Prozent produktiv, weil ich an Leute gerate, die eigentlich gar nicht zuständig sind oder jemand im Urlaub ist oder so. Es gibt halt kein Online-Nachschlagewerk für solche Kontakte, daher braucht das viel Zeit. Selbst wenn man drin ist in diesem Kreis, ist es immer noch schwer. Ich habe zum Beispiel fürs Durlacher Altstadtfest angefragt und da hieß es, ja, für 2021 könnte es klappen, aber dieses Jahr gibt es schon eine Band und ich habe im November 2019 nachgefragt.


TIFFANY: Und durch Corona verschiebt sich das. Es ist schon manchmal ermüdend. Ich glaube, es liegt auch daran, dass Live Musik nicht mehr so beliebt ist.


OPHELIA: Werden dann eher DJs genommen?


TIFFANY: Ja, gerade bei Hochzeiten ist das glaube ich oft so, da es weniger Aufwand ist, man nur eine Person buchen muss.


JULIAN: Das Kuriose ist, dass ein DJ das Vierfache verdient, wie wir. Also der verlangt 600 Euro und wir haben pro Person 100 verlangt. Klar, im Endeffekt ist er billiger. Aber auch die Szene verändert sich. Also die jungen Leute sind um die Uhrzeit, wo wir auftreten, noch daheim und wenn wir am Abbauen sind, gehen die los in die Clubs. In Bars gehen eh nur noch wenige. So für die Bierbörse oder so würden wir uns auch gut eignen, aber da muss man eben erstmal rein kommen und um da reinzukommen, muss man ja aber schon mal wo gespielt haben.


TIFFANY: Wenn man einmal drin ist, ist man drin.


JULIAN: Beim Erasmus Sommerfest haben wir zum Beispiel zwei Jahre in Folge gespielt und die hätten uns wahrscheinlich auch dieses Jahr gebucht, weil sie sich denken, hat doch gut gepasst.


TIFFANY: Und es ist natürlich immer riskant, eine neue Band einzuladen. Deswegen lassen viele jedes Jahr die gleiche Band spielen.


OPHELIA: Welche Unterschiede nehmt ihr zwischen Locations wahr?


TIFFANY: Wenn wir in einem Pub spielen oder Open Air ist das relativ gleich, aber wir haben mal auf einem Hochzeitsjubiläum in Lörrach gespielt, das war schon was anderes.


JULIAN: Da waren alle sehr schick angezogen und man hat gemerkt, dass es eine Weile braucht, bis die Gäste ready sind, Party zu machen, wie wir es gewohnt sind. Wenn man anfängt, zu spielen, sitzen die meistens noch gemütlich da, sind noch im Food-Koma. Aber wir überlegen uns dann vorher gemeinsam, welche Lieder wir wann am besten spielen. Also wir haben eine feste Setlist, die wir je nach Auftritt anpassen.


OPHELIA: Mich würde interessieren, wie ihr als Gruppe funktioniert. Unternehmt ihr auch als Freunde was?


JULIAN: Wir sind halt sehr viele. Unser Keyboarder hat die Erfahrung auch, weil er am Kammertheater angestellt ist als musikalischer Leiter und dadurch hat er abends keine Zeit. Da er mit Musik sein Geld verdient, hat er einen anderen Anspruch und es ist für ihn weniger hobbymäßig, sondern es soll schon was bei rumkommen. Aber es gibt durchaus Treffen, wo wir dann mal anstatt zu proben essen gehen oder uns auf dem Weihnachtsmarkt treffen. Aber es ist jetzt kein Freundeskreis.


OPHELIA: Gibt es welche, die besonders gute Ideen einbringen in Hinsicht auf Einfallsreichtum?


JULIAN: Es hat jeder seine Gaben und Talente. Also ich bin Software-Entwickler, ich mache die Website und das Design. Oder sowas wie jetzt, weil wir zwei besser reden können, als die anderen.


TIFFANY: Ich habe zum Beispiel den Bandraum renoviert.


OPHELIA: Das heißt, Julian, du bist eher technisch und Tiffany, du...


TIFFANY: ...handwerklich.


JULIAN: Kreativ aber auch. Erzähl doch mal. Du hast doch letztens diesen Banner gemacht.

TIFFANY: Ich habe einen Leuchtkasten mit dem Logo gebaut. Das Logo habe ich ausgesägt und den Kasten mit LEDs ausgehangen. Das kann man als cooleren Banner nutzen. Oder ich habe Plakate gemacht.


JULIAN: Und wir haben zusammen Visitenkarten und Aufkleber gestaltet. Wir haben einen Haufen Sticker. Die sind auch ziemlich verbreitet, weil wir die marketing-strategisch intelligent auf Auftritten rumwerfen und jeder denkt „Oh geil, Sticker, nehme ich mit, klebe ich irgendwohin“. Das ist die beste Werbung.


TIFFANY: Bei der Kunsthalle ist eine Ampel, an der ganz viele Sticker kleben, da ist einer von uns zum Beispiel. Oder im Mauritius auf der Damen-Toilette. Und am KIT an fast jeder Laterne.


OPHELIA: Wie ist das, wenn ihr so einen Sticker seht?


JULIAN: Wir freuen uns. Aber ich frage mich auch, ob uns über diese Schiene mal eine Auftrittsanfrage erreicht. Ob da Mund-Propaganda-mäßig was daher läuft oder das einfach nur ein Sticker ist. Also das ist schön, zu sehen, dass hier jemand war, der auf einem Auftritt von uns war, aber das heißt nicht, dass er uns gut fand.


OPHELIA: Habt ihr schon mal mitbekommen, dass jemand euch gar nicht gut fand?


JULIAN: Nein. Also wir haben viele Musikerfreunde, die viel am kritisieren sind, aber die haben meistens gute, konstruktive Kritik. Ich habe es auch noch nicht erlebt, dass Leute gehen, weil sie es nicht gut finden. Wahrscheinlich schon so, dass wir den Laden voll spielen, statt leer.


TIFFANY: Es ist am Schluss tatsächlich eine fette Party, zumindest in den Pubs. Da wird uns gesagt, es ist eigentlich nicht normal, dass es so voll ist.


JULIAN: Das liegt auch an dem Genre, das wir so Party-Musik spielen und nicht erstmal mit was langsamen anfangen.


OPHELIA: Wie ist das, wenn Leute betrunken sind oder es ein bisschen „zu sehr“ feiern? Was habt ihr da schon erlebt?


TIFFANY: Mir fällt da dein Schild ein...


JULIAN: Das stimmt. Die war noch nicht mal so betrunken. Das war eine Freundin, die was von mir wollte. Soll ich das jetzt wirklich erzählen? Ich hoffe, sie liest das nicht. Sie hatte ein Riesen-Plakat dabei mit einem Herz, wo mein Name drin stand. Und das hat sie die ganze Zeit über die Menge gehalten. Aber ich dachte jetzt eher an den Junggesellen, der im Irish Pub auf die Bühne wollte. Da war ein Junggesellenabschied und der hatte eine Wette verloren.


TIFFANY: Oh stimmt, der wollte unbedingt, dass ich ihn auf die Bühne lasse.


JULIAN: Und sie haben es gefilmt und er musste irgendwas singen, von wegen dass er seine Frau unendlich liebt. Das war schon witzig. Wir haben auch seltsame Momente. Manchmal stehen Leute direkt an der Bühne und starren einen an oder so. Die Leute sind schon sehr unterschiedlich.


OPHELIA: Welche Schwierigkeiten erlebt ihr während der Auftritte?


JULIAN: Wenn man des Text vergessen hat zum Beispiel. Gerade bei Liedern, die gerapt sind und viel Text haben. Wenn man im Flow ist, hat man das meist so im Kopf, dass man das zu Ende bringen kann, aber wenn einem der Anfang nicht einfällt, hängt man manchmal echt da.


OPHELIA: Was machst du dann?


JULIAN: Für den Notfall habe ich einen kleinen Ordner, wo ich den Text nochmal nachgucken kann. Oder ich sage es einfach. So wie bei Materia, Kids. Das Lied hat so viel Text, dass ich den vergessen hatte und dann meinte ich, ich lese den Text jetzt einfach ab und als ich loslegte meinte irgendwie jeder „yeah, geil“. Ich glaube, mit so Situationen können wir gut umgehen.


OPHELIA: Und wie es scheint, macht das ja auch einen guten Eindruck auf das Publikum, wenn ihr so entspannt damit umgeht.


JULIAN: Ja, nach dem einen Mal sind die Leute danach zum Teil gerade deswegen hergekommen und meinten, dass es geil war. Ich glaube, wir fühlen uns schon ganz wohl, auf der Bühne.


OPHELIA: Kommt es manchmal vor, dass ihr gar keinen Bock auf einen Auftritt habt?


TIFFANY: Bei mir persönlich schon. Mit anderen Bands kam das vor, dass man keinen guten Veranstalter hat oder das Publikum nicht mitmacht. Aber mit Club Live eigentlich nicht.


OPHELIA: Gibt es was, das ihr unmittelbar vor einem Auftritt macht, um euch darauf vorzubereiten?


JULIAN: Wir schauen uns die Textstelle nochmal an.


TIFFANY: Aufbauen. Das ist sehr aufwendig, dadurch dass wir das selber machen und viel Elektronik haben und viele Mikros. Da ist man dann manchmal schon ein bisschen müde, obwohl das dann auf der Bühne wieder weg geht. Da hat man diesen Adrenalin-Schub und alles ist wieder vergessen.


JULIAN: Aber manchmal denkt man sich schon „Und jetzt heim gehen und morgen wieder kommen.“


OPHELIA: Wie fühlt ihr euch nach dem Auftritt?


TIFFANY: Manchmal kann das anstrengend sein, wenn dann dauernd jemand kommt und sagt, dass es toll war und dass es Spaß gemacht hat. Aber natürlich ist das gleichzeitig toll und total schön zu hören. Wir zwei bewegen uns extrem viel, ich habe auch ein Handtuch auf der Bühne, wir machen Hip Hop-Nummern, sowas. Das ist eine glückliche Müdigkeit sozusagen.


JULIAN: Das Schlimmste ist, keine Hände frei zu haben, weil du noch spielen musst. Und dann merkst du, wie der Schweiß dir über die Stirn läuft und dann ist es zu spät, es ist im Auge, und dann noch an den Text denken und noch singen. Aber am Ende ist man einfach glücklich. Deswegen mache ich das auch. Weil ich will, dass die Leute einen schönen Abend haben, dass sie Spaß haben, dass sie mitsingen, dass sie mit ihren Freunden ein schönes Erlebnis haben.

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